Überwachung

Kontrolle / 1984

Die Gespräche am Rande der Kurse, in denen sich die Studierenden grafisch und fotografisch mit Georg Orwells Dystopie und dem Thema Kontrolle auseinandersetzen, zeigen die Beunruhigung Einzelner, aber auch die Sorge, dass große Teile der Gesellschaft den Tatsachen gleichgültig gegenüberstehen – Verdachtsunabhängige Kontrollen, Arbeitsbedingungen, IS und die Folgen der Enthüllungen Edward Snowdens.

Zum Beispiel die verdachtsunabhängigen Kontrollen in der Eisenbahnstraße, in dem inzwischen auch von Studierenden beliebten Stadtteil, dem sich das Stadtmagazin Kreuzer in der Ausgabe 9/2014 differenziert und in seiner Vielfältigkeit näherte. (siehe auch »Kunst am Markt«, »Fundstücke nachhaltiger Nachbarschaft«, Kunstraum E oder Pöge-Haus).

Oder die Arbeit bei Amazon in der Leipziger Amazonstraße, wo der »Prüfer mit der Stoppuhr in der Hand« jede Handlung durch Kontrolle bestrebt ist zu optimieren (Dorothee Elmiger schreibt in der woz über das gerade im Leipziger Verlag Spector Books erschienene Buch »Saisonarbeit« der Leipziger Autorin Heike Geissler.

Beunruhigend für die Meisten hingegen – durch seine Brutalität und die faschistischen Kontrollmechanismen – ist der IS, der sich schnell in den Köpfen festzusetzen vermochte. Marshall Sella beschreibt in ihrem detailreichen, illustrierten, grausamen Text den geschickten Einsatz von Bildern, die Markenbildung der Organisation (@MrsBunz: „Connect the newest media with the oldest violence, and the message will never be obsolete“ – How Isis went viral) und die Notwendigkeit der Interpretation dieser Bilder.

Und immer wieder Edward Snowden, der den diesjährigen alternativen Friedensnobelpreis erhält, der uns gerade Tipps zum Schutz unserer Privatsphäre gab und eine Videobotschaft zur Eröffnung von DOK-Leipzig und zum Eröffnungsfilm von Laura Poitras (USA) »CITIZENFOUR« (Edward Snowden und das System der Überwachung – ab 6.11.14 im Kino) sendete. Der »Freitag« beobachtet bei der feierlichen Premiere »das Politiker … die auf Geheimdienstüberwachung schauen wie gewöhnliche Mediennutzer, … ihren Anteil an politischer Gewalt gar nicht reflektieren«.

Überwachung – Florenz/Italien, Oktober 2014

Kursmaterial

In dem Kurs Plakat- und Buchgestaltung entstehen Plakate, Radierungen und illustrierte Hefte zum Thema »1984« sowie ein Art-Zine zum Themenkomplex »Kontrolle«.

Arbeitsergebnisse: Eine Auswahl von »1984« Plakaten des B.A. Kurses und Ausstellungsimpressionen – Objekte und Fotografien – des Masterkurses.

In dem Kurs Fotografie (Masterkurs) wurde folgender Text als Ausgangsmaterial für die eigene Reflexion des Themas »Kontrolle« vorangestellt:

Mit der Veröffentlichung geheimer Daten vom Überwachungsprogramm PRISM des US-amerikanischen Geheimdienstes NSA rückte im Sommer 2013 »1984« – Georg Orwells Dystopie einer totalitären, von Kontrolle geprägten Zukunft – näher an uns heran. »Big Brother is watching you«. Der Whistleblower Edward Snowden löste einen Skandal um die flächendeckende Internet- und Telefonüberwachung aus. (Ein paar Gedanken und Anregungen hatte ich zu dieser Zeit hier zusammengefasst.)

25 Jahre nach dem Ende der Diktatur in der DDR werden gerade hier in Leipzig die Erinnerungen an ein System wach, das versuchte seine Bevölkerung bis in die Privatsphäre hinein zu kontrollieren. Und doch gehört Leipzigs Innenstadt heute zu den Plätzen mit den meisten Überwachungskameras – bereits 2003 gab es fast 700 davon (siehe Kamerakarten). Sieht man die Anzahl der dagegen Protestierenden, so scheint es, dass sich die meisten Menschen wenig an dieser Überwachung stören.

Fühlen sich die kontrollierten Menschen gar sicherer? Vor was? Vor wem? Wovor haben Sie Angst?

Wenn ich ein durch Kontrolle befriedigtes Sicherheitsbedürfnis konsequent weiter denke, so sehe ich eine Welt, wie sie zum Beispiel der Autor Philip K. Dick 1956 in seiner Kurzgeschichte »Der Minderheiten-Bericht« (engl. Originaltitel »The Minority Report«) beschreibt – ein prophetische Sichtweise auf staatliche Gedankenkontrolle, vom Regisseurs Steven Spielberg mit Tom Cruise in der Hauptrolle 2002 bildgewaltig verfilmt.

Wie weit wollen wir gehen?

Das gestiegene Sicherheitsbedürfnis und die einhergehende Kontrolle zeigt sich auch bei einem Blick auf das Leben unserer Kinder. Der Radius, den sich Kinder selbstständig von zu Hause aus entfernen ist seit den 70er Jahren um 90% geschrumpft (Jon Henley, Guardian). – Ich bin in den 70er Jahren in einer Großstadt aufgewachsen und unser typischer Radius lag damals bei bis zu 3 km. – Heute wird die Position des Kindes per GPS-Tracker im Auge behalten – ein Kontrollwahn, der letztlich zur Selbstversklavung führt? (siehe dazu Marlies Uken, Das getrackte Kind, Zeit-Online) Dabei scheint die digitale Kontrolle weniger verpönt, als seinen Nachwuchs kontrolliert an der Kinderleine zu führen (taz: »Wunderbar und dringend nötig«).

Ist verstärkte Kontrolle ein Trend in unserer Gesellschaft? Wie groß ist die Gefahr, dass wir den kritischen Blick auf den Umgang mit den rund um uns selbst aufgezeichneten Daten verlieren? Wo liegt der Nutzen und wo die Gefahren von umfassender digitaler Selbstkontrolle mittels Smartphone, Fitnessarmbändern, der Apple-Uhr und ihren Apps? Wer hat etwas davon? (Selbstkontrolle am Handgelenk, taz-online)

Mittels den Aufzeichnungsapparaten Fotografie-, Film- und Videokamera, mit Bildbearbeitungsprogrammen, dem Computer und alten fotografischen Techniken wollen wir uns diesen Fragestellungen ganz praktisch nähern. Aber es gilt auch zu untersuchen, in wie weit wir die Apparate, ihre Programme und den fotochemischen Prozess unter Kontrolle haben oder wie viel wir von unserer Kontrolle aufgeben.